Concert

Als Billie kam: Ein Tag vor der MS-Dockville-Mainstage

Billie Eilish ist aktuell eine der erfolgreichsten KünstlerInnen der Welt – und hat die Regeln des Hamburger Festivals MS Dockville auf den Kopf gestellt.

von Björn Rohwer

„Ich warte seit Februar auf diesen Tag!“ – gleich tritt RIN auf der Mainstage des Hamburger Festivals Dockville auf. Aber das ist fast egal. Die junge Frau, die sich so euphorisch freut, wartet schon auf den nächsten Act. Um genau zu sein steht sie schon mehrere Stunden vor dieser Festivalbühne, nur um am Ende Billie Eilish nahe zu sein.

Als das Dockville die 17-jährige Sängerin im Januar dieses Jahres als Headlinerin ankündigte, war sie bereits ein großer Star – sieben Monate später verdient sie mindestens das Prädikat „Superstar“. Mit ihrem Debütalbum wurde Billie im März zur meistgestreamten Musikerin der Welt – vor Ariana Grande, Taylor Swift oder Katy Perry.

Kein Wunder also, dass dieser Festivaltag nur unter dem Stern von Billie Eilish zu stehen scheint. Eigentlich lebt das Dockville von dem Mix verschiedener Genres und dem Herumirren von Bühne zu Bühne. Heute wird aber nicht herumgeirrt. Heute wird gewartet und jede Klo-, Essens- und Trinkpause ausdiskutiert. 

Deutschrap und Dark Pop

Da der Fokus auf dem Großschot, der Mainstage des Dockville, liegt, haben heute alle KünstlerInnen hier eine beachtliche Menschenmasse vor sich – andererseits sind sie dafür nur hochqualifizierte Voracts. In den ersten Stunden fällt diese Rollenverteilung zum Glück kaum auf. Anscheinend passt der etwas düstere Pop von Billie Eilish super zu Jujus und Bausas Deutschrap – zumindest gibt es eine große, mitsingende Fan-Schnittmenge. 

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Wer grade nicht singt, diskutiert – und je betrunkener die Fans, desto intensiver die Diskussionen, wer denn nun Essen holt und ob es wirklich so wichtig ist, jetzt auch noch nicht-alkoholische Getränke zu sich zu nehmen: „Ein Traum, von hier Billie zu sehen. Wir gehen hier sowas von nicht mehr weg. Egal was passiert!“ Fast logisch folgt in der Mitte von Bausas Set gegen 19.15 Uhr dann der erste Zusammenbruch im Publikum. Für zehn Minuten unterbricht der Rapper seinen Auftritt, bevor mit Hits wie „Was du Liebe nennst“ die Party schnell wieder Fahrt aufnimmt.

Vom Festival zum Eilish-Open-Air

Zum Auftritt von RIN (100 Minuten bis zu Billies Auftritt) ist die Transformation zum Eilish-Open-Air fast komplett. Eigentlich sind RINs Shows was die Intensität und das Publikum angeht berüchtigt. Immerhin ist er als zweitgrößter Headliner angekündigt. Heute spielt er aber nicht vor seinem eigenen Publikum. RIN ist heute ein Voract und zumindest in den ersten Reihen warten alle nur auf eine – oder zumindest fast.

„Ich bin hundertprozent nur wegen RIN hier – ich kenn die Billie gar nicht.“ Ein sehr seltenes Statement des bekifft dreinblickenden Jugendlichen. Mit seiner weiten, türkis-lila-weißen Trainingsjacke, seinen Nikes und seinem Ohrring passt er genau in das RIN-Fan-Klischee. Er ist einer der wenigen, der seinen Auftritt wirklich fühlt. Der Rest wippt in den ersten Reihen nur verhalten mit.

Auch der Rapper auf der Bühne spürt die Kräfteverhältnisse deutlich. Nach einigen Liedern stimmt RIN das Intro von Billie Eilishs „Bad Guy“ an: „Ich sehe euch doch an, dass ihr da alle drauf wartet.“ Ja, seine Musik sorgt auch heute für Eskalation – nur eben nicht in den ersten Reihen. 

Die lautesten Sprechchöre? Die "Wasser"-Rufe der immer durstiger werdenden Jugendlichen. Der größte Jubel gilt den Security-Mitarbeitern, die nach RINs Auftritt anfangen, elegant aus dem Handgelenk Wasserflaschen ins Publikum zu werfen und ebenso lässig die leeren Flaschen wieder auffangen. Sie scheinen diesen Abend definitiv auch zu genießen.

Teenager vs. Mütter

Der RIN-Fan von eben sucht noch verwirrt den Ausgang und jetzt beginnt die heiße Phase – nur noch 40 Minuten bis zur großen Show. Zeit für die letzten großen Wortgefechte zwischen pubertierenden Fans und Müttern. 

Die Mädchen in der ersten Reihe sehen es überhaupt nicht ein, für kleinere Kinder Platz zu machen: „Ich stehe hier seit Stunden – ihr hättet ja auch einfach früher da sein können.“ Dass sie immer noch mehr als einen Kopf größer sind und die Bühne genauso gut sehen würden, scheint nicht als Argument zu zählen. Erst nachdem viele Tränen vergossen wurden, rücken alle noch etwas enger zusammen und auch die kleinsten Mädchen bekommen ihren Moment ganz nah bei Billie.

Noch eine Push-Nachricht der Dockville-App, dass die Hauptbühne wegen Überfüllung geschlossen wird, das Licht geht aus und die kollektive Anspannung von einem ganzen Tag Warten entlädt sich mit viel Geschrei.