Interview

Erste Male mit Madeline Juno: Emotionen und Tapetenwechsel

Am 6. September erschien mit „Was bleibt“ bereits das vierte Album der Singer-Songwriterin Madeline Juno – obwohl sie erst 24 Jahre alt ist. Wir haben mir ihr über das neue Album und ihre ersten Male in der Musikbranche geredet: das erste Konzert, Songwritingrituale und die ersten Songs.

von Björn Rohwer

Ab wann wusstest du, dass du Musikerin werden willst? 

Ich wusste das nicht. Ich wusste das erst, als ich schon mitten drin war. Ich hab‘ mit 13 meine ersten Songs auf YouTube gestellt – zu einer Zeit, in der YouTube noch gar nicht war, was es heute ist. Und dann ist das in die Hände von tollen Produzenten in Hamburg gekommen, die haben mich eingeladen und dann kam das alles so ins Rollen. Aber ich war ja noch sehr jung. Ich musste ja noch die Schule beenden und nebenbei Hannah-Montana-Style mein Album aufnehmen. Als ich mittendrin war, wusste ich: „Okay, das ist eine Möglichkeit – ich glaub das mache ich jetzt.“

Und wann bist du das erste Mal aufgetreten?

Mit 16. In so einer ganz kleinen süßen Location. Die Veranstaltung hieß „Kultur in der Kaserne“ in meiner Heimatstadt. Ich war Support-Act für eine befreundete Band. Klar waren dann alle meine Freunde da. Und meine Familie.  

“Ich hab noch ganz viele Polaroid-Fotos von früher!“

Hast du da auch schon selbstgeschriebene Songs gespielt?

Ja, nur! Ich habe glaube ich überwiegend Songs gespielt, die dann später auch auf meinem ersten Album drauf waren. Die standen da schon. Das ist crazy eigentlich, wenn ich drüber nachdenke.

Wann hast du denn damit angefangen, Songs zu schreiben?

Ich hab‘ mit elf etwa angefangen Gitarre zu spielen und versucht Bücher zu schreiben – schon als Kind. Es hat mich immer sehr gereizt, meine Gedanken aufzuschreiben. Und als ich dann angefangen habe, Gitarre zu spielen, habe ich auch angefangen, Songs zu schreiben. 

Und wie gehst du beim Schreiben vor? Hast du Rituale, womit du beginnst?

Im Moment ist es so, dass ich erst die Melodie schreibe und dann den Text. Das ist total krass – das war vorher nie so. Seit so einem Jahr habe ich die Angewohnheit, den ganzen Song erstmal melodisch zu strukturieren. Also wirklich Strophe, Chorus, Pre-Chorus, Mid-Eight – alles muss stehen und dann schreib ich den Text. So fällt mir das irgendwie leichter.

„Mittlerweile strukturiere ich erstmal den ganzen Song melodisch.“

Was war der erste Song, den du von deinem neuen Album „Was bleibt“ geschrieben hast?

Das war das Lied „Schwarz-Weiß“ – das war tatsächlich vor ziemlich genau einem Jahr. Das Album erscheint am 06. September und am 04. September im letzten Jahr haben wir diesen Song geschrieben. In „Schwarz-Weiß“ geht es um Freundschaften, die kaputtgegangen sind – dass es aber auch okay ist und man immer noch die Erinnerungen hat. Und man hat eben die Fotos in schwarz-weiß – ich habe ganz viele Polaroid-Fotos von diesen Freundschaften. Das ist so ein bittersüßes Thema.

Erinnerst du dich noch an das erste Lied, das dich zum Weinen gebracht hat?

“Don’t speak” von No Doubt. “Don’t speak“ oder von Avril Lavigne “I’m with you”. Ich hab‘ tatsächlich grad so richtige Erinnerungsfetzen. Da nimmt sich die Zeit nicht viel. Ich war noch ganz, ganz jung – so neun vielleicht. Also gerade „I’m with you“ war so „Wow!“ – da habe ich viel dazu geweint. Das weiß ich noch.

“Einer der beiden Songs war es.“

Und wieso gerade zu diesen Songs?

Ich habe mich relativ früh für die englische Sprache interessiert. Man hat ja erst ab der fünften Klasse eigentlich Englischunterricht, aber ich habe davor schon viel auf Englisch gelesen und mich halt auch für englischsprachige Musik interessiert. Und das war glaube ich das erste Mal, dass ich so Texte verstanden habe und dass sie so eine emotionale Wucht auf mich hatten. Und ich war auch wahnsinnig labil. Ich war ein labiles Kind und sehr emotional – bin ich ja bis heute.

Du hast in deiner Karriere dann zuerst auch auf Englisch gesungen. Wann kam denn der Punkt, an dem du wusstest, dass du jetzt deutschsprachige Songs singen willst?

Das war etwa Anfang 2016. Ich habe mich jahrelang damit gebrüstet, dass ich niemals deutsche Songs schreiben würde. Ich habe jahrelang gesagt, dass ich das nicht kann, dass ich das nicht will und dass ich dazu auch keinen Bezug habe. Dass ich das nicht bin. Anfang 2016 habe ich dann gedacht: Ist ja total blöd, sich selber zu sagen, dass man etwas nicht kann und dass man es auch niemals versuchen wird. Und dann wollte ich zu der Zeit sowieso einen musikalischen Tapetenwechsel. Dann habe ich einen Song auf Deutsch geschrieben, richtig Blut geleckt und gedacht: „Okay, das probier‘ ich jetzt mal weiter.“

„Ich bin halt ein sehr emotionaler Mensch!“

Wieso gab es damals den Wunsch nach einem musikalischen Tapetenwechsel?

Auch da: Ich bin halt ein sehr emotionaler Mensch. Und in meiner Karriere habe ich viele Menschen kommen und gehen sehen. Damals ist grad ein Abschnitt meiner Karriere von süß in total bitter umgeschwungen. Und ich wollte eigentlich alles, was mit dieser Zeit zu tun hatte, nicht mehr. Weil die Leute nicht mehr die gleichen waren – ich war nicht mehr die gleiche. Dann habe ich eben diesen Song „Waldbrand“ geschrieben. Da geht es ja darum, dass ich gern alles niederbrennen und von Neuem beginnen würde. Ich glaub das hatte ganz viel mit Frust und mit Bitterkeit zu tun, dass ich mich für den Sprachenwechsel entschieden habe. Ich glaub ich brauchte etwas Neues. Etwas, das mir gehört. Weil alles andere verschwunden ist.

Jetzt im Vorfeld von dem Release deines neuen Albums hast du auch sehr offen über deine Depression gesprochen. Wann war für dich klar, dass du in diesem Album das Thema intensiver behandeln willst?

Das ist gar nicht so spezifisch jetzt für dieses Album, dass ich mich auf Themen wie diese stütze. Das war eigentlich eine schleichende Angelegenheit. Ich habe immer mehr gemerkt, wie emotional angeschalten meine Fans sind. Und wie viel das mir gibt, dass es ihnen so viel gibt. Klar, in diesem Album gibt es einige Songs, die davon handeln. Es war aber über das letzte Album und auch über die EP einfach so ein schleichender Prozess, dass ich merkte, dass es so ein großer Teil von mir ist. Dass es so wichtig ist. Und dass es in der deutschen Popmusik noch so viel Raum gibt, über Themen wie diese zu sprechen.

“Meine Fans sind sehr emotional angeschalten!”

Wieso?

Alle glauben, dass man das nicht darf. Und dass das eine Schwäche sei. Es ist keine Schwäche. Erstrecht nicht, wenn man offen damit umgeht. Es ist eine Schwäche, wenn man es versteckt, verheimlicht und wenn man alleine damit ist. Aber meine Fans fühlen sich glaube ich so weniger alleine und ich mich gleichzeitig auch. Ganz oft kommt dann auch die Frage: „Ist das nicht komisch, so viel von sich preiszugeben?“ Ich finde nicht. Ich entscheide mich ja dazu. Wenn jemand anderes etwas erzählen würde, was ich gar nicht möchte, dann ist das schlimm. Aber ich entscheide mich ja aktiv dafür Themen wie diese anzusprechen. Weil ich glaube, dass es wichtig ist. Das war der Gedanke, der das glaube ich angestoßen hat. Das kann nur Gutes tun – mir und meinen Fans.